Bereits um 1900 gehörte eine größere Anzahl von Obernburger Männern, vornehmlich aus dem Beamtenstand, dem Verein der Spessartfreunde als Mitglieder an. Sie nahmen an Wanderungen der Spessartfreunde teil und veranstalteten solche auch selbst. Auf dem Foto, das aus dem Jahre 1920 stammen soll, zieht eine Wandergruppe am Gasthaus „Zur Sonne“ vorbei.Angeregt durch einen Vorschlag des Vorstands der „Hochspessartfreunde“ Rothenbuch mit Sitz in Frankfurt, doch auch in Obernburg eine Ortsgruppe zu etablieren, lud Bürgermeister Heinrich Wörn eine Gruppe von Interessierten für den 15. Dezember 1926 in das Gasthaus „Zum Löwen“ ein. Die 31 erschienenen Männer standen hinter diesem Vorschlag und vollzogen die Vereinsgründung.
Oberlehrer Martin Hußlein wurde zum Vorstand, Dentist Hugo Klemm zum Kassier und der Kaufmann Leo Vad zum Schriftführer gewählt. Den festgesetzten Jahresbeitrag von 2 Reichsmark kassierte man halbjährlich ein. Im Mai 1927 zählte der Verein bereits 75 Mitglieder und es wurde ein erster Wanderplan aufgestellt.

Durch den Zusammenschluss der verschiedenen Spessartvereine und Ortsgruppen im Jahr 1928 wurde der „Spessartbund“ ins Leben gerufen.Der Specht als typischer Bewohner des Spessarts wurde zum Symbol des Spessartbundes, zu seinem Wappentier. Die Mitglieder bezeichneten und bezeichnen sich als „Spechte“, die jungen Leute als „Jungspechte“.
Als Austragungsort für das erste Spessart-Bundesfest am 1. Juli 1928 erhielt Obernburg den Zuschlag, da es mit seiner neu erbauten Stadthalle besonders für den Festabend mit Reden sowie gesanglichen, turnerischen und sportlichen Darbietungen geeignet war.
Ein von Josef Michelbach organisierter imposanter Festzug mit 20 Wagen und historischer Gruppe aus der reichen Geschichte Obernburgs bewegte sich am Folgetag durch die festlich geschmückte Stadt.
Die Leitung der Ortsgruppe lag von 1926 bis 1931 in den Händen von Oberlehrer Martin Hußlein. Ihm folgte von 1931 bis 1934 Lehrer Josef Michelbach, dann übernahmen von 1934 bis 1937 Dentist Hugo Klemm, von 1937 bis 1941 Oberinspektor Josef Lebert und von 1941 bis 1947 Kreisbaumeister Adam Steigerwald die Führung.




1933 kam es zu einer organisatorischen Änderung. Der „Spessartbund“ wurde dem Deutschen Reichsbund für Leibesübungen unterstellt, und er musste seine Jugendorganisation an die Hitlerjugend abgeben.
In den Folgejahren beteiligten sich immer mehr Wanderfreunde an den angebotenen Touren. So ist im Jahresbericht von 1936 zu lesen, dass an den Wanderungen insgesamt 188 Männer, 57 Frauen und 34 Jugendliche teilnahmen. Mit der Bahn wurden 444 km, mit Autos 347 km und zu Fuß 325 km zurückgelegt.

Der Wanderplan von 1931 zeigt, dass die Wanderungen schon da-mals nicht nur im Spessart, sondern auch im Odenwald stattfanden.



Das Bild zeigt die Obernburger „Spechte“ zusammen mit den „Hochspessartfreunden“ Frankfurt vor der Saalburg (in zünftiger Wanderkleidung). Von Links: Karl Schüßler, Adam Steigerwald, Willy Schneider (Frankfurt), Josef Lebert (der Bahn-Lebert), W. Stahl (Frankfurt), in der Frauengruppe Emil Reichert, daneben Helene Dagge und Franz Link
Ein besonderer Wanderausflug ist unter dem 2. und 3. Juli 1938 im Wanderbuch protokolliert.
Mitglieder der Ortsgruppe besuchten die Frankfurter Ortsgruppe, besichtigten den Flughafen und die Stadt und wanderten dann zusammen von Bad Homburg aus auf die Saalburg.
Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sind in der Vereinsgeschichte keine besonderen Ereignisse vermerkt. Während der Kriegsjahre hatten der „Spessartbund“ und die Ortsgruppe jedoch unter den Kriegseinwirkungen zu leiden. Die Wandertätigkeit wurde aber trotz aller Widrigkeiten nicht eingestellt. So führte man 1942 18 Wanderungen durch, an denen sich insgesamt 250 Wanderer beteiligten, die die beachtliche Wegstrecke von rund 5.500 km zurücklegten. Elf Mitglieder erwarben sich die verdienten Wanderauszeichnungen. Allerdings erhielten sie diese wegen der bestehenden Verkehrs-, Verpflegungs- und sonstigen Schwierigkeiten infolge des Krieges schon für neun statt zwölf planmäßigen Wanderungen.

Das für den Anfang des Jahres 1945 aufgestellte Wanderprogramm konnte wegen der sich immer mehr häufenden Fliegerangriffe und wegen der Inanspruchnahme von Mitgliedern durch Volkssturmübungen usw. nicht eingehalten werden. Nach Kriegsende wurden aber mit Zustimmung der Militärregierung bereits wieder zwölf Wanderungen durchgeführt, an denen 162 Personen teilnahmen. Im Protokollbuch dieses Jahres ist zu lesen: Der neue Wanderplan ist weitgehend den Verhältnissen angepasst. Es ist Rücksicht genommen auf die Verpflegungsschwierigkeiten, den Mangel an Schuhwerk und die Unsicherheit im Bahnverkehr.



In den Folgejahren normalisierte sich die Situation für die Wanderfreunde wieder.1951 konnte der Verein sein 25-jähriges Jubiläum mit einem leider verregneten Fest am Waldhaus begehen.
Für 1954 vermerkt das Protokollbuch: Die Obernburger „Spechte“, die sich zum großen Teil aus ganzen Wanderfamilien zusammensetzen, legten zusammen im Wanderjahr 19.331 km zu Fuß, 11.043 km mit Omnibussen und 11.945 km mit der Eisenbahn zurück. 38 Aktive und 33 Jugendliche erwarben sich das Zwölferabzeichen.
1954 richtete die Ortsgruppe unter der Leitung von Franz Link sehr erfolgreich das 26. Spessartbundesfest in Obernburg aus. An dem Festzug (Bild links) beteiligten sich 52 Ortsgruppen und über 20 Wanderkapellen.
Gerne gesehen waren die Obernburger Wanderfreunde aber auch bei vielen Fest-zügen in Obernburg und im weiteren Umkreis.


Bei der Jahresschlussrast mit Generalversammlung im „Bayerischen Hof“ wurden die Mitglieder für die Teilnahme ab einer bestimmten Anzahl Wanderungen ausgezeichnet, so wie auf dem Bild rechts Heinz Janson.

Die Ende 1952 von Franz Link ins Leben gerufene Mandolinen- und Gitarrengruppe entwickelte sich unter der Leitung von Heiner Rudolph (Bild links) sehr gut. Sie bewies bei vielen Anlässen (Festabenden, Festzügen, Wanderungen) ihr Können und besaß ein großes Ansehen.
Bei ihrem 10-jährigen Bestehen im Jahr 1962 war die Wanderkapelle auf über 20 Spielerinnen und Spieler angewachsen.
Heute spielt nur noch eine kleine Gruppe bei besonderen Veranstaltungen. 2005 beteiligten sich Obernburger Mandolinen- und Gitarrenspieler zusammen mit Großwallstädter Musikanten (Bild rechts) beim Spessartbundesfest in Bürgstadt am größten Mandolinenorchester der Welt (383 Musiker) und erreichten einen Eintrag in das Guinness-Buch der Rekorde.

Nach dem Tod von Franz Link übernahm Hans Fenk (linkes Bild, Mitte) die Vereinsleitung bis 1979. Zum 40. Vereinsjubiläum wurde unter seiner Regie am 17. Juli 1966 zur Erinnerung an die verstorbenen Mitglieder an der Buchhölle ein Gedenkstein am Weg zum Waldhaus aufgestellt, an dem jedes Jahr am Totensonntag eine Feierstunde stattfindet.
Unter anderem wurde bei der Einwei-hungsfeier auch an Hugo Klemm, Josef Lebert und Adam Steigerwald gedacht, die wegen ihrer vielen gemeinsamen Wanderungen als die „Heiligen Dreikönige von Obernburg“ bekannt waren.
Von 1980-1996 führte Friedel Ackermann (Bild rechts) die Ortsgruppe. In dieser Zeit wurde beschlossen, einmal im Monat eine Seniorenwanderung durchzuführen. Um eine Wertung zu erreichen, musste sie länger als sechs Kilometer sein. 1985 beteiligten sich zwischen 26 und 35 Personen daran. Daneben bot man auch Kegelnachmittage an.
1987 nahm die Ortsgruppe am Festzug des Mümlingtalfestes in Obernburg teil (Bild unten).

Von 1996 bis 2002 übernahm Ferdinand Lang die Vereinsleitung. Ihm folgten von 2002 bis 2012 Klemens Szidzek und Gottfried Krüger gemeinsam. Seit 2012 leitet Klemens Szidzek nun alleine die Obernburger „Spechte“.
Unter ihrer engagierten Vereinsleitung entwickelte sich der Verein weiter. Traditionell wurden und werden weiterhin zahlreiche Wanderungen im Spessart und Odenwald durchgeführt. Aber auch mehrtägige Wanderfahrten gehören inzwischen zum Vereinsprogramm.
Nicht namentlich erwähnt werden können hier die Mitglieder, die sich als stellvertretende Vorstände, Kassiere, Protokoll- und Schriftführer, Pressewarte, Wanderführer, Seniorenbetreuer, Wegewarte, Jugendwarte, Naturschutzwarte und Musikgruppenleiter um den Verein und den Gau verdient gemacht haben.
In den letzten Jahren konnte sich die Mitgliederzahl bei 120 Personen halten, wobei die Mitglieder nicht mehr nur aus Obernburg, sondern von Kahl bis Miltenberg und von Mömlingen bis Hobbach kommen. Auch interessierte Gastwanderer sind häufig mit dabei. An den angebotenen Wanderungen für Aktive nehmen durchschnittlich 20 Personen teil, an den Seniorenwanderungen circa 15 Personen.
Nicht nur die Ortsgruppe Obernburg klagt heute wie viele andere Vereine auch über Überalterung und Nachwuchsmangel. Für die Zukunft wünscht sich die Ortsgruppe, die 2016 ihr 90jähriges Bestehen begeht, neue junge Mitglieder, die den Verein am Leben erhalten. Dazu der Wandergruß: „Frisch auf!“
Heinz Janson
Quellen:
Protokollbücher des Vereins
Unterlagen von Klemens Szidzek
Zeitschrift Spessart Heft 6-1928
Chronik des Spessartbundes, Aschaffenburg 2013
