Der Gesangverein Obernburg feiert im Jahre 2008 sein 125-jähriges Bestehen. In diesen 125 Jahren hat der Verein das kulturelle Leben in Obernburg maßgeblich bereichert. Gegründet wurde der Gesangverein genau am 1. Januar 1883 als reiner Männerchor. Interessant ist, dass auf dem Gründungsprotokoll 43 Unterschriften vorhanden sind. Wenn man bedenkt, dass Obernburg damals wesentlich weniger Einwohner hatte als heute, lässt dies auf ein riesiges Interesse hindeuten. Der Männerchor existierte bis 1970.

Natürlich unterlag der Chor in seiner langen Geschichte den Einflüssen der politischen Ereignisse, die die gesamte Welt erschütterten. Gemeint ist vor allem die Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Während beider Kriege war die Sangestätigkeit sehr stark beeinträchtigt, weil viele Sänger sich im Krieg befanden und dort auch ihr Leben ließen. Aber nicht lange danach wurde das Singen wieder umso aktiver aufgenommen. Anfang der zwanziger Jahre hatte der Chor bereits wieder 75 aktive Sänger und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde bereits im Oktober 1945 auf dem Rathausplatz ein Chorsingen veranstaltet.
All dies wäre nicht möglich gewesen ohne führungsstarke Persönlichkeiten. Als Vorsitzende hatten während und nach den beiden Kriegen Eduard Rüd bzw. Anton Reis die Zügel in der Hand.

Als Dirigent sollte in diesem Zusammenhang eine Persönlichkeit erwähnt werden, die 40 Jahre lang, von 1895 bis 1935, dieses Amt inne hatte, nämlich Franz Zink. 1935 trat er nicht etwa aus Amtsmüdigkeit zurück, sondern weil er sich den „widersinnigen Schikanen der Reichsmusikkammer nicht mehr gewachsen fühlte“, wie er selber niederschrieb. Nach ihm übernahm Johann Strauß dieses Amt und führte den Chor in seiner wohl schwersten Zeit seiner Geschichte bis 1946.
Einen wahren Boom erlebte der Männerchor, als 1957 Fred Schecher den Chor übernahm. Die Sängerschar wuchs bis an die 100 Sänger an. Sieben Jahre später legte er sein Amt wegen anderer Verpflichtungen nieder.

Dies war auch die Zeit, in der das Interesse an Männerchören allgemein sank. Davon blieb auch der Gesangverein nicht verschont. Schließlich beschloss man im September 1970, einen gemischten Chor zu gründen. Diesen Chor übernahm Gernot Angele, der ihn bis 2005 leitete. Es ist ihm gelungen, den „neuen“ Chor binnen weniger Jahre zu einem Spitzenchor am Untermain zu formen.
In diesem Zusammenhang muss Heinrich Koch erwähnt werden, der von 1956 – 1985 erster Vorsitzender war und den Chor mit straffer Hand leitete.
In diese Zeit fallen etliche Erfolge, auf die der Chor mit Recht stolz sein kann. Es würde zu weit führen, hier zu sehr ins Detail zu gehen. Aber einige Höhepunkte sollen trotzdem erwähnt werden.
In Erinnerung gerufen werden sollten Rundfunkaufnahmen mit dem Studio Nürnberg des Bayerischen Rundfunks im Jahre 1963 sowie die zweimalige Teilnahme am Valentin-Becker-Gedächtnissingen (1963 und 1975) in Bad Brückenau, zu dem nur Spitzenchöre eingeladen wurden.

Genannt werden muss auch die Uraufführung der Messe „Laudate Dominum“ von Wilhelm Heinrichs in der Stadtpfarrkirche im November 1979. 1984 konnte der Chor Gottesdienste im Kölner und Würzburger Dom mitgestalten.
Natürlich hat der Chor auch das kulturelle Leben in Obernburg selbst durch zahlreiche Konzerte in der Kirche und in der Stadthalle bereichert. Es ist unmöglich, sie alle einzeln aufzuzählen.
Erinnert werden muss aber auch an die zahlreichen Veranstaltungen, die dem Vergnügen gewidmet waren. So wurden viele Sängerbälle mit zum Teil namhaften Kapellen veranstaltet. Für die Kleinen wurden Kinderbälle abgehalten, die lange Zeit sehr erfolgreich waren.
Aber schon in den achtziger, erst recht in den neunziger Jahren, wurde auch der Chor in Obernburg vom Zeitgeist erfasst, d. h., jüngere Sängerinnen und Sänger wurden immer weniger und die Zahl der Aktiven schrumpfte.
Natürlich hat der Chor auch in dieser Zeit mit seinen Anstrengungen nicht nachgelassen. So wurden bereits kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands Kontakte nach Annaberg im Erzgebirge aufgenommen. Möglich geworden war dies durch die Sängerin Hilde Reis, die von dort stammt.
Im April 1991 wurde, gemeinsam mit dem Gesangverein Rück-Schippach, in der dortigen Annenkirche ein Konzert veranstaltet. Im Juli 1996 nahm der Chor am ersten internationalen Chorwettbewerb des Landkreises Miltenberg teil und hatte einen Chor aus Brasilien zu Gast.

Hugo Fischer (1. Vorsitzender), Heinrich Schäfers (2. Schriftführer, Chronist und Vizedirigent), Nicole Steiniger (Dirigentin), Horst Koppermann (1. Schriftführer), Klemens Platz (Kassier, 1. Vorsitzender 1985-1991), Dieter Kunkel (2. Vorsitzender)
Weiter wirkte der Chor im Juli 1997 an einer Live-Sendung des Bayerischen Rundfunks in der Stadthalle mit. Außerdem wurden 1998 und 2002 mit dem Erwachsenenorchester der Musikschule sehr erfolgreiche Konzerte durchgeführt.
Erinnert sei auch an die Ausgestaltung des von Weihbischof Helmut Bauer zelebrierten Gottesdienstes anlässlich der Orgeleinweihung im November 2005. Man könnte noch viele Veranstaltungen aufführen, was aber den Rahmen sprengen würde.
Von 1985 bis 1991 führte Klemens Platz den Verein. Seit nunmehr 17 Jahren ist Hugo Fischer Vorsitzender und unter ihm ist es mit Hilfe aller Beteiligten gelungen, den Abwärtstrend zu stoppen.
Nachdem Gernot Angele nach rund 35 Jahren sein Amt als Dirigent zur Verfügung stellte, übernahm Anfang 2006 mit Nicole Steiniger eine junge Dirigentin die Chorleitung. Mit ihr steht die Hoffnung, dem Chor wieder jüngere Sänger zuzuführen und optimistisch in die Zukunft blicken zu können.

Zum Schluss sollen zusammenhängend die erwähnt werden, die seit Gründung 1883 als Vorsitzende bzw. als Dirigenten für den Chor verantwortlich waren.
Vorsitzende
- 1883 – Eduard Müller
- 1884-1909 – Eduard Deckelmann
- 1910-1914 – Josef Becker
- 1915-1926 – Eduard Rüd
- 1927-1928 – Nikolaus Klein
- 1929-1933 – Eduard Rüd
- 1934-1946 – Anton Reis
- 1947 – Leo Grünewald
- 1948-1949 – Josef Kreher
- 1949-1952 – Tobias Reis
- 1953-1955 – Gottfried Wirsing
- 1956-1985 – Heinrich Koch
- 1985-1991 – Klemens Platz
- seit 1991- Hugo Fischer
Dirigenten
- 1883 – Kilian Gehrig
- 1883-1894 – Martin Hußlein
- 1895-1935 – Franz Zink
- 1936-1946 – Johann Strauß
- 1947-1949 – Ernst Lindner
- 1949-1950 – Hermann Stahl
- 1951-1956 – Johann Strauß
- 1957-1964 – Fred Schecher
- 1965 – Karl-Heinz Wissel
- 1966-1970 – Karl Böhm
- 1971-2005 – Gernot Angele
- seit 2006 – Nicole Steiniger
Heinrich Schäfers