
Im Kriegsjahr 1944 näherten sich die Fronten der Alliierten den Grenzen des Deutschen Reiches. Die Bomberflotten der Westmächte griffen verstärkt Städte, Industrieanlagen und Verkehrswege an. Auch Orte wie Obernburg wurden nun zu Zielen feindlicher Flieger. Im Frühjahr 1945 kam die Westfront unserem Gebiet näher. Die 3. US-Armee unter General Patton überquerte nämlich am 23. März 1945 den Rhein bei Oppenheim und kämpfte sich durch Odenwald und Untermainebene kaum gehindert von schwachen Kräften der Wehrmacht an den Main vor. Eine Panzerspitze erreichte am Palmsonntag, den 25. März, bereits Aschaffenburg. Aus dem Mömlingtal rückten die amerikanischen Truppen in Richtung Obernburg vor.
Die damals 74jährige Wilhelmine Wörn, Frau des langjährigen Bürgermeisters Heinrich Wörn (1919 bis 1933), schrieb in diesen Tagen in einem mehrseitigen Manuskript (aus dem im folgenden wörtlich zitiert wird) auf, wie sie persönlich das Kriegsende erlebte. Sie wohnte in der Mainstraße, wo im rückwärtigen Teil eine Lederfabrik gelegen war.
Bombentreffer in der Kaisergasse
„Als der Bombenterror auf die deutschen Städte und Menschen begann, war der 19. Februar 1945 der 1. Schicksalsschlag für unser friedliches Mainstädtchen. Man ist der Meinung, dass der Bombenterror wohl der Mainbrücke und den seit längerer Zeit dort liegenden Mainschiffen, welche gut getarnt waren und in denen man Treibstoff vermutete, sowie dem in der gleichen Richtung liegenden Bahnhof oder den Glanzstoffwerken galt. Wohl zu früh ausgeklinkte Bomben trafen die Kaisergasse, welche nachher ein Bilder der Verwüstung bot. Aber auch die in der Nähe liegenden Straßen bekamen mehr oder weniger davon ab. Ganz Obernburg hatte zertrümmerte Fensterscheiben, die Kirche nicht ausgenommen. In der Römerstraße waren sämtliche Schaufenster zersprungen. Unser Rückgebäude, das an der Kaisergasse liegt, wurde abgedeckt und über 100 Fensterscheiben gingen in Trümmer. Der Hof war mit Ziegeln und Glasscherben bedeckt, selbst im Wohnhaus waren 32 Scheiben zertrümmert. Jede Familie bekam drei Fenster gemacht. Da vier Familien z. Zt. im Haus wohnen, bekamen wir zwölf Fenstergläser ersetzt. Die übrigen wurden mit Pappdeckeln zugenagelt.“
Bei dem Angriff starb auch der zehnjährige Eduard Probst aus der Kaisergasse 3 durch ein umstürzendes Scheunentor. Es wurden auch Vermutungen laut, dass die nur 50 Meter entfernte Lederfabrik eigentlich Ziel des Bombenangriffs gewesen sein könnte. Noch heute ist auf der Fläche des zerstörten Hauses in der Kaisergasse ein freier Platz.
Leben im Luftschutzkeller
Frau Wörn berichtete weiter: „Heute ist Ostersonntag. Schon fast drei Wochen ist man hier in unserem Landstädtchen nicht mehr sicher. Die Flieger ziehen in immer größeren Verbänden bei Tag und Nacht über uns hinweg. Die Sirene ruft uns oft in den Luftschutzkeller. Wir haben uns dort im eigenen Haus den Mittelgang als sichersten Aufenthalt erwählt und für Sitzgelegenheiten gesorgt. Der Luftschutzkeller ist dadurch ein Unterkunftsraum für unsere Kleider, für allerhand Kisten, Koffer und Pakete, Betten, Gemälde und für alles, was man braucht und gerne später gerettet haben möchte, geworden. Ein großes Bett ist aufgeschlagen für unsere zwei Enkelkinder mit ihrer Mutter. Sie haben schon manche Nacht darin zugebracht. Morgens werden dann die Kissen und Decken wieder herauf geschleppt wegen der feuchten Kellerluft und in der spärlichen Sonne gelüftet. Bald sind wir die reinsten Höhlenbewohner geworden.“
Sperrung der Mainbrücke
Zerstörte Mainbrücke
Durch die Vernichtung der Pfeiler zwei und drei stürzte die Fahrbahn ins Wasser. Nur der linke Schleppträger blieb mit seinem Aufleger am Pfeiler eins hängen, während er mit dem Gelenkende im Wasser versank. Die Brückentrümmer, die zwischen Pfeiler zwei und drei lagen, wurden bald für die Freimachung der Schifffahrtsrinne geräumt. Erst im Juni 1947 wurde mit der Räumung der Reste der Pfeiler und des Stahlüberbaus begonnen. Der Main wurde mit der Fähre überquert (Resi Priol). 
Einnahme der Stadt durch amerikanische Truppen
Brände im Winkelhof
Mainüberquerung der Amerikaner
Neues Leben nach dem Zusammenbruch
„Die ganze Woche wurde in den Betrieben nicht gearbeitet. Die Glanzstoff ist erledigt…. Die ganze Woche ging weder Bahn noch Post, weder Telefon und Telegraf. Wir haben kein Licht. Wie es mit den Nahrungsmitteln wird, wissen wir nicht….. Neue Bestimmungen wurden ausgeschellt. Anton Reis ist neuer Bürgermeister. Von heute, 4. April, geht also ein neues Leben an. Alle Arbeiter haben ihren Arbeitsplatz aufzusuchen. Wer keinen hat, soll sich im Rathaus melden…. Obernburg hat nur mit Booten Verbindung zum anderen Mainufer. Der verflossene Nazi-Bürgermeister (Heinrich Störrlein) ist noch hier, die anderen Bonzen sind geflohen…… 22. April, Weißer Sonntag: Obwohl man ja nichts kaufen kann, waren alle Kinder so gut gekleidet, dass man fast vergessen möchte, dass uns noch schwere Schlachten umtoben.“
Helmut Wörn
Genauere Berichte über das Kriegsende um Obernburg finden sich in folgenden Publikationen:
Alois Stadtmüller, Maingebiet und Spessart im zweiten Weltkrieg, 1982
Leo Hefner, 1900 Jahre Obernburg am Main, 1984
Josef Weiß und Winfried Müller, Das Kriegsende 1945

Am 25./26. April 1944 erfolgte ein Fliegerangriff, bei dem das in der Miltenberger Straße gelegene Schnatz’sche Anwesen durch eine Luftmine zerstört und die umliegenden Gebäude mehr oder weniger stark beschädigt wurden.


